Der neue EM-Modus: Fluch oder Segen?

Eine Analyse von Radio Pilatus-Sportreporter Marco Zibung

Fussball-EM in Frankreich (Symbolbild)

Das Ende der Fussball-Europameisterschaft in Frankreich naht. Zum ersten Mal wurde die EM mit 24 und nicht mehr mit 16 Mannschaften durchgeführt. Ein komplett neuer Spielmodus mit sechs Vierergruppen. Die Erst- und Zweitplatzierten jeder Gruppe waren direkt für die Achtelfinals qualifiziert. Hinzu kamen die besten vier Drittplatzierten. Ein Modus, welcher bereits vor dem Anlass, Anreiz für Diskussionen gab. Dabei ist es doch beim neuen Modus genau wie beim Hineingehen ins kühle Nass. Zuerst ist man skeptisch, ob man wirklich hinein will. Dann tastet man sich heran, gewöhnt sich daran und am Schluss kommt sogar noch ein Sprung. Wie auch bei der EM. Dank den „Kleinen“ gab es gar Jubelsprünge.

Die Überflieger aus dem Norden

Die vielen kleinen Mannschaften würden der Qualität schaden, hiess es vielerorts. Doch eben diese „Kleinen“ haben die Kritiker verstummen lassen. Island und Wales überraschten den gesamten europäischen Kontinent. Beide stiessen sie bis in die Viertelfinals vor. Wales steht jetzt sogar im Halbfinale gegen Portugal. In beiden Ländern kam eine unglaubliche Euphorie auf, welche auch auf ganz Europa überschwappte. Vor allem die Isländer gewannen viele Sympathien. Ihre „Huh“-Schlachtrufe, welche an die Wikinger erinnern, hallten auch in vielen anderen Ländern durch die Public Viewings. Und da war auch noch dieser legendäre isländische Kommentator Gudmundur Benediktsson. Der flippte an dieser EM gleich mehrere Male aus und wurde so zum heimlichen Internet-Star dieser Europameisterschaft. Auch in Erinnerung bleiben werden die walisischen Fans, welche ihre Mannschaft in jedem Spiel lautstark unterstützten. Die Nationalmannschaft von Wales dankte es ihren Fans mit tollen Auftritten. Da waren aber nicht nur die Isländer und die Waliser. Auch Ungarn und Nordirland schafften es in die Achtelfinals und liessen grössere Mannschaften hinter sich. Aber eben: Die vielen kleinen Mannschaften schaden der Qualität… Ironie off. Die kleinen Mannschaften waren DAS grosse Plus bisher an dieser Europameisterschaft. Punkt. Und das haben wir dem neuen EM-Modus zu verdanken. Trotz der Freude über die Überraschungen der kleineren Mannschaften. Der EM-Modus bleibt in einem Punkt eben doch umstritten.

Das lange Warten auf…

Heimreise oder Achtelfinal? So ging es EM-Neuling Albanien während den letzten Spieltagen der Gruppenphase. Die Albaner schlugen in ihrem letzten Gruppenspiel Rumänien mit 1:0. Es war der allererste Treffer der Albaner in der Geschichte der Europameisterschaft. Mit dem Sieg platzierten sich die Albaner auf Platz drei der Gruppe A, hinter der Schweiz. Doch nur die vier besten Drittplatzierten kommen in die Achtelfinals. Für die Albaner hiess es also Tee trinken und warten. Die anderen Drittplatzierten spielten den Albanern nicht in die Karten. Die Albaner mussten nach der Gruppenphase die Heimreise antreten. Sportlich gesehen war das sicher nicht unverdient. An anderen Turnieren fliegt man mit einem Sieg aus zwei Spielen auch aus dem Turnier. Was aber den Albanern nicht passte: Alle anderen Mannschaften, welche in den folgenden Spieltagen noch die Chance auf den dritten Platz in der Gruppe hatten, konnten taktieren. Die Türkei wusste zum Beispiel in ihrem Spiel gegen die Tschechen, dass ein 1:0 Sieg nicht reichen würde. So drückten die Türken logischerweise noch einmal auf das Gaspedal und konnten tatsächlich noch das 2:0 schiessen. Mit diesem Resultat waren die Türken dann in der Hierarchie der Drittplatzierten vor Albanien klassiert. Das gleiche Spiel bei den Nordiren. Nach dem 1:0 von Deutschland wussten die Nordiren, dass ein zweites Tor der Deutschen gleichbedeutend gewesen wäre mit einem Ausscheiden. Die Nordiren zeigten daher kaum mehr Offensivaktionen und mauerten sich zur 0:1 Niederlage, welche für die Achtelfinals ausreichte. Albanien und die Türkei hatten am Schluss das Nachsehen. Sicherlich eine Ungerechtigkeit für die Albaner, welche als Erste spielen mussten. Aber eben: Sportlich absolut korrekt. Hätten die Albaner oder die Türken nur einen Punkt mehr geholt, wären beide weitergekommen.

Wir gewöhnen uns daran...

Der Modus mit den vier besten Drittplatzierten. Optimal ist er sicher nicht. Doch seien wir ehrlich. Wann ist etwas optimal? Um aber wieder auf den Vergleich mit dem kühlen Nass zurückzukommen: Der See fühlt sich mit 17 Grad doch noch etwas zu kühl an. Wir gewöhnen uns aber daran und springen trotzdem ins kühle Nass. Der EM-Modus fühlt sich mit der nicht optimalen Lösung doch noch etwas kühl an. Wir gewöhnen uns aber daran und haben trotzdem Freude an den kleinen Mannschaften wie Island und Wales und haben Mitleid mit den ausgeschiedenen Drittplatzierten.

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