Hobby-Chemiker oder Crystal-Meth-Koch?

Der mutmassliche Meth-Koch von Oberägeri stand heute vor dem Zuber Obergericht

Experimentierte er als Hobby-Chemiker oder Crystal-Meth-Koch, der mit der Produktion der synthetischen Droge das grosse Geld machen wollte? Am Berufungsprozess in Zug haben der beschuldigte Tüftler und seine mutmassliche Gehilfin erneut ihre Unschuld beteuert. Die Oberrichter wollen bis Mitte Februar ein Urteil fällen.

Nicht nur die Geschichte, wie die Polizei das selbstgebastelte Drogenlabor in Oberägeri im Mai 2018 entdeckt hatte, war filmreif. Auch gewisse Momente an der zweitinstanzlichen Verhandlung am Montag vor dem Zuger Obergericht.

So stellte der Beschuldigten die Geduld des Oberrichters mit seinen Ausführungen und Wiederholungen so lange auf die Probe, bis dieser sichtlich genervt sagte: "Ausschweifende Selbstdarstellungen gehen im Gerichtssaal nicht. Sie brauchen lediglich meine Fragen zu beantworten." Oder als er ihn vor dem Schlusswort bat, Mass zu halten. "Damit wir noch bei Helligkeit nach Hause kommen."

Der 43-jährige Norweger betonte an der Berufungsverhandlung immer wieder, dass er bei der Einvernahme unter enormem Druck gestanden habe, viele seiner gemachten Aussagen entsprächen nicht der Wahrheit. Auch seien bei der Übersetzung und der Protokollierung viele Fehler entstanden. Darum wolle er sich erneut erklären.

Er und seine mutmassliche Gehilfin aus Thailand mussten sich vor dem Obergericht verantworten, weil das Strafgericht sie unter anderem der Widerhandlung und der Gehilfenschaft zur Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig gesprochen und zu 18 Monaten bedingt und Geldstrafen verurteilt hatte. Beiden wurde die bereits vollzogene Haft angerechnet, beide wurden des Landes verwiesen. Und beide legten Berufung ein.

Nachbarn alarmierten die Polizei

Aufgeflogen war das selbstgebastelte Drogenlabor im Untergeschoss der Wohnung des Beschuldigten in Oberägeri an einem Abend Ende April 2018. Dieser gab sich bei einem Stromausfall mit einer Taschenlampe Licht. Dabei hielten ihn Nachbarn für einen Einbrecher und alarmierten die Polizei.

Die Polizei rückte aus, umstellte das Mehrfamilienhaus und traf schliesslich auf einen Mann, der sich als Wohnungseigentümer herausstellte. Aus der Wohnung roch es nach Chemikalien und Benzin.

Die Überraschung war noch grösser, als die Polizisten daraufhin die Wohnung betraten und im Untergeschoss ein Drogenlabor sowie mehrere Behältnisse mit undefinierbaren Substanzen entdeckten. Spezialisten kamen zum Schluss, dass es sich um ein Labor handle, in dem synthetische Drogen - darunter Crystal Meth - hergestellt werden könne.

Der Wohnungseigentümer wurde verhaftet und mit ihm eine Thailänderin, die dem Mann beim Aufbau des Labors und auch bei der Herstellung der Drogen behilflich gewesen sein soll.

"Wissenschsaftliches Interesse"

Dass er das Chemielabor selbstgebastelt und darin "geringe Mengen Methamphetamin" hergestellt hatte, stellte der Beschuldigte nicht in Abrede. Er betonte aber auch immer wieder, dass er anders vorgegangen wäre, wenn er mit selbsthergestelltem Crystal Meth hätte Geld verdienen wollen.

Er sei aber davon ausgegangen, dass die Herstellung dieser Menge nicht strafbar sei. Er habe sich über die Rechtslage informiert. Und: "Es war ein Experiment", sagte er. Er habe den Stoff aus wissenschaftlichem Interesse und zum Eigenkonsum produziert. "Es war kein Drogenlabor, es war für mich viel mehr eine Therapie in einer schwierigen Lebenssituation."

Sein Mandant entspreche nicht dem typischen Bild eines Crystal-Meth-Kochs, sagte der Verteidiger. "Er ist ein Hobby-Chemiker, der mit chemischen Substanzen experimentierte und eine geringe Menge Methamphetamin für den Eigengebrauch herstellte".

"Wäre das Labor tatsächlich für eine grosse Produktion ausgelegt gewesen, warum hat er es dann nicht getan?", fragte der Verteidiger. Zeit dazu hätte er genügend gehabt.

Mutmassliche Gehilfin gab sich ahnungslos

Der Verteidiger der mutmasslichen Gehilfin sagte, seine Mandantin sei immer davon ausgegangen, dass ihr Kollege im selbstgebastelten Labor wissenschaftliche Experimente durchführe. Sie habe erst später erfahren, dass er dort Drogen herstellte.

Die Behauptung, die Beschuldigte sei zuständig gewesen für den Verkauf der Drogen, stimme nicht, sagte der Verteidiger. "Der Beschuldigte nutzte sie aus und erhoffte sich durch sie Kontakte zur Crystal-Meth-Szene." Sie sei zudem nur selten im Labor gewesen, habe höchstens hin und wieder Gläser gereinigt. Auch sie sei freizusprechen.

Dass die beiden grosse Pläne hatten mit der Produktion von Crystal Meth, davon war der Staatsanwalt nach wie vor überzeugt. Es seien auch keine Zweifel offen, dass die Beschuldigte die Gehilfin war. Heute haben die beiden Beschuldigten keinen Kontakt mehr zueinander.

Der Staatsanwalt forderte für beide Beschuldigte eine Erhöhung der erstinstanzlichen Strafe. Und zwar eine Freiheitsstrafe von 28 Monaten, davon 12 Monate unbedingt vollziehbar. Angerechnet werden könne die Untersuchungshaft und der vorzeitiger Strafvollzug.

Urteil folgt bis Mitte Februar

Das Schlusswort hielt der Beschuldigte nach den mahnenden Worten des Richters dann verhältnismässig kurz. Er betonte nochmals, dass er nie die Absicht gehabt habe, Drogen für den professionellen Verkauf zu produzieren. Auch wenn er finanzielle Probleme hatte. Chemie sei für ihn "ein Hobby, eine Wissenschaft, ein faszinierendes Ding." Er habe mit seinen Experimenten nie das Recht missachten wollen.

Auch die Beschuldigte beteuerte, dass sie nie in die Drogenproduktion involviert sein wollte. "Ich habe stets die Wahrheit gesagt und nichts erfunden", sagte sie zum Schluss der Verhandlung, nachdem sie sich zuvor im Gegensatz ihres mutmasslichen Komplizen sehr wortkarg gezeigt hatte.

Das Urteil wird zu einen späteren Zeitpunkt schriftlich eröffnet. Das Obergericht hofft, dass es spätestens Mitte Februar vorliegt.

(Quelle sda)

Audiofiles

  1. Mutmasslicher Meth-Koch vor Gericht.. Audio: Marco Zibung / Andreas Wolf
Drogenlabor in Oberägeri Drogenlabor in Oberägeri Drogenlabor in Oberägeri

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