Gentechnik - die grossen Hoffnungen und Tücken

Neuer Bericht zeigt Chancen und Risiken der neusten Gentechnologie

In der Welt von morgen erschafft sich der Mensch gleich selbst neu. Möglich macht das die Gentechnologie CRISPR, mit dem Gensequenzen gezielt verändert werden können. Die sogenannte Genschere verspricht neue Möglichkeiten gegen Aids, Krebs und verschiedene Erbkrankheiten, auch auch beim züchten von Pflanzen und Tieren. Doch wie so oft bei biologischen Innovationen birgt der Fortschritt auch Gefahren.

Mit neuartigen Methoden der sogenannten Genomeditierung lassen sich Gene so gezielt und präzise verändern wie nie zuvor. Diese Techniken werden insbesondere in der Grundlagenforschung verwendet, aber kommen auch mehr und mehr in anderen Bereichen wie der Pflanzen- und Tierzucht zum Einsatz. TA-Swiss legte am Dienstag einen umfassenden Bericht zu diesen neuen Technologien vor.

Die Debatte rund um Genomeditierung entbrannte in jüngster Zeit insbesondere in Bezug auf die Möglichkeit von Eingriffen in die menschliche Keimbahn: Ein chinesischer Wissenschaftler verkündete Ende 2018 die Geburt der ersten genomeditierten Menschen, deren Erbgut er im Embryonalstadium mithilfe der "Genschere" Crispr-Cas9 verändert hatte. Die Genveränderung sollte die Zwillings-Mädchen immun gegen Aids machen.

Die Nachricht löste weltweite Empörung aus, unter anderem bei den Entwicklerinnen der Crispr-Cas9-Technologie. Genomeditierung bei Embryonen betrifft auch Keimzellen, also Ei- und Spermazellen. Die genetischen Veränderungen werden damit auch an nachfolgende Generationen vererbt.

Medizin, Zucht und Kettenreaktion

Der Bericht der TA-Swiss beleuchtet fünf Anwendungsbereiche der Genomeditierung. In der Humanmedizin beispielsweise könnten die neuen Techniken helfen, Krankheiten zu heilen, die Vererbung von Erbkrankheiten an die Nachkommen zu verhindern oder auch tierische Organe für den Einsatz als Organersatz beim Menschen (Xenotransplantation) zu optimieren, heisst es im Bericht.

In der Tier- und Pflanzenzucht kommt Genomeditierung zum Einsatz, um die Qualität von Lebensmitteln zu verbessern, den Ertrag zu steigern oder Resistenzen gegen Krankheiten zu verleihen.

Fortschritt birgt jedoch auch Risiken

Trotz der Fortschritte im Vergleich zu früheren Methoden der Genmanipulation bestehen weiterhin Unsicherheiten bei der Verwendung der Genomeditierung, da die Methode nicht hundertprozentig fehlerfrei ist. Mitunter kann eine falsche Stelle im Erbgut bearbeitet oder das richtige Gen falsch umgeschrieben werden. Ein Problem ist auch, alle Zielzellen zu verändern und nicht nur einen Bruchteil.

Für manche Einsatzbereiche - insbesondere Genveränderungen beim Menschen - stellen solche Ungenauigkeiten ein erhebliches Risiko dar. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es noch schwierig, die Folgen solcher Fehler der Methode abzuschätzen, stellte TA-Swiss fest.

Gesellschaftliche Debatte nötig

Die Autorinnen und Autoren des Berichts formulieren daher drei allgemeine Empfehlungen: Es müsse eine offene und konstruktive gesellschaftliche Debatte geführt werden, es brauche systematische Untersuchungen zur Genauigkeit der Genveränderungen für verschiedene Einsatzbereiche, sowie geeignete Standards und Leitlinien, die von Aufsichtsbehörden und Bund entwickelt werden müssen.

Im medizinischen Bereich hat die Technologie insbesondere Potenzial für Gentherapien. Eine solche individuell an den Patienten angepasste Therapie ist sehr teuer, kann aber dennoch günstiger sein als eine lebenslange Behandlung der Krankheitssymptome. Gemäss TA-Swiss muss die Finanzierung solcher Therapien rasch zur Diskussion gestellt und politisch geregelt werden, da es erste Anwendungen in diesem Bereich bereits gibt und weitere der Zulassung harren.

In diesem Zusammenhang sollten laut der Stiftung auch neue Erstattungsmodelle in Betracht gezogen werden, beispielsweise dass nur gezahlt wird, wenn die Therapie wirksam ist.

In manchen Anwendungsbereichen, wie dem Eingriff in die Keimbahn des Menschen, ist die Ablehnung durch die Bevölkerung gross. Hier sollte die Schweiz auch auf internationaler Ebene ihre Einwände aktiv kundtun, schrieb TA-Swiss.

In verschiedenen Bereichen sieht TA-Swiss noch grossen Forschungsbedarf, zum Beispiel zu ethischen Aspekten und sozialen Konsequenzen des Einsatzes von Tierorganen als Organersatz bei Menschen, oder zur Sicherheit des Einsatzes von "Gene drives". Schliesslich brauche es neue Methoden, um den Einsatz von Genomeditierung bei Lebensmitteln nachzuweisen und die Kennzeichnungspflicht genetisch veränderter Produkte umzusetzen.

(SDA\ /uc/aj/rs)

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