Olympiasiegerin

Michelle Gisin über «verrückteste Saison des Lebens» und Rücktrittsgedanken

Daniel Schmuki, 9. April 2022, 21:54 Uhr

Quelle: PilatusToday / Anita von Rotz

Die Engelbergerin Michelle Gisin war die erfolgreichste Schweizer Skirennfahrerin der vergangenen Saison. Sie klassierte sich im Gesamtweltcup auf dem 5. Platz. Dies, obschon sie wegen einer heimtückischen Krankheit die gesamte Vorbereitung verpasste. Im Interview blickt die 28-Jährige zurück – und nach vorn.

Michelle Gisin hat unglaubliche Monate erlebt. Im vergangenen Sommer, als sie so richtig mit der Vorbereitung auf die neue Weltcup-Saison starten wollte, wurde sie vom Pfeifferschen Drüsenfieber ausser Gefecht gesetzt. Sie konnte weder im Kraftraum Gewichte stemmen noch auf dem Schnee trainieren.

Dennoch war die Engelbergerin Ende Oktober beim Saisonstart in Sölden am Start. Und reiste Ende Februar mit zwei Olympia-Medaillen im Gepäck aus Peking zurück. Doch die 28-Jährige erlebte in den vergangenen Monaten auch schwierige Momente, die sie an einer Rückkehr in den Weltcup zweifeln liessen.

Quelle: PilatusToday / Anita von Rotz

Michelle Gisin, du hast in der vergangenen Saison eine veritable Gefühlsachterbahn erlebt. Konntest du die Erlebnisse und Emotionen bereits etwas verarbeiten mit ein paar Wochen Abstand?

Gisin: Wenn, dann am ehesten Olympia, den Rest weniger. Olympia war der Wahnsinn! Dass ich das geschafft habe und bereit war, war für mich im vergangenen Sommer unvorstellbar, als es mir so schlecht ging. Dass ich nun mit zwei Medaillen in die Schweiz zurückreisen durfte, ist unglaublich. Es war ein mega schönes Gefühl, den Olympiasieg in der Kombination verteidigen zu können. Und die Olympia-Medaille im Super-G war etwas vom emotionalsten, was ich bisher erleben durfte.

Im Sommer war noch völlig offen, ob du in Peking überhaupt am Start stehen kannst, denn das Pfeiffersche Drüsenfieber ist sehr unberechenbar. Was liess dich daran glauben, dass du bald wieder Skifahren kannst?

Nach der Saison habe ich oftmals eine Art «Frühlings-Blues». Da frage ich mich jeweils: Was mache ich da überhaupt? Ich reise auf der Welt herum und fahre den Berg hinunter. Das ist doch egoistisch. Doch im Sommer habe ich realisiert, wie viel mir der Sport mit all seinen Emotionen bedeutet – nicht zuletzt, als ich die Olympischen Spiele in Tokio schaute. All diese Athleten arbeiten auf ein grosses Ziel hin. Dies hat mir die Augen geöffnet. Von diesem Zeitpunkt an war klar für mich: Ich will irgendwann wieder am Start stehen.

Der Weg zurück in den Weltcup war jedoch alles andere als einfach. Du musstest oft Rückschläge verkraften.

Das allerschlimmste war, als es mir einen Monat lang immer schlechter ging. Zu dieser Zeit verstand ich auch meinen Körper nicht mehr. Mal machte ich nichts, und es ging mir miserabel. An einem anderen Tag machte ich etwas, und es ging mir super. Ich wusste nie, was der Tag bringt. Eines Tages hatte ich nicht einmal mehr Kraft in den Händen. Als ich das Cornflakes-Glas aus dem Regal nehmen wollte, ist dieses einfach auf den Boden gefallen. Das war eine sehr schwierige Zeit, auch für mein nächstes Umfeld.

Dennoch hast du es geschafft, Ende Oktober beim Saisonauftakt in Sölden an den Start zu gehen – und das ohne Saisonvorbereitung und mit lediglich ein paar wenigen Schneetagen in den Beinen. Wie war das möglich?

Das weiss ich ehrlich gesagt noch immer nicht so genau. Ich wollt einfach unbedingt wieder Rennen fahren. Als ich dann in Sölden effektiv im Starthaus stand, hatte ich Tränen in den Augen. Dass mir das Comeback so schnell gelang, war unglaublich und nicht selbstverständlich. Aber klar, ich stellte mir oft auch die Frage, ob ich jemals wieder professionell Skifahren kann.

Der Höhepunkt war aber nicht dein erstes Rennen nach überstandener Krankheit, sondern kam erst im Februar. Du konntest in Peking deine Olympia-Medaillen Nummer 2 und 3 gewinnen.

In Peking war es nochmals anders als in Pyeongchang. In Pyeongchang kam ich im Kombi-Slalom ins Ziel und wusste, ich hatte eine Medaille auf sicher. Denn es standen nur noch zwei Fahrerinnen oben. Diesmal war es ganz anders. In der Kombination war ich eine der grössten Favoritinnen auf Olympiagold. Doch ich machte in der Abfahrt einen Fehler und wusste: Jetzt muss ich es im Slalom richten. Als ich erfuhr, dass Mikaela Shiffrin ausgeschieden ist, erfuhr ich einen riesigen Adrenalinschub. Denn mir war sofort klar, dass jetzt sogar ein Schweizer Doppelsieg möglich ist. Deshalb gab ich Vollgas. Im Ziel war es auch für mich eine riesige Überraschung, dass ich einen solchen Lauf zeigen konnte. Es war wunderschön.

Im Rahmen unserer Serie «Road to Beijing» haben wir dich auf dem Weg an die Olympischen Spiele begleitet. Im Steckbrief hast du angegeben, dass du Olympia 2022 rockst, weil du in zwei Disziplinen noch eine offene Rechnung hast – in der Abfahrt und im Slalom. Die beiden Olympia-Medaillen in Peking gab es aber im Super-G und der Kombi.

Das stimmt, die Olympia-Medaille in der Abfahrt und im Slalom ist immer noch offen (lacht). Aber das ist absolut in Ordnung. Denn ich konnte ja im Super-G eine Medaille gewinnen und meinen Olympiasieg in der Kombination verteidigen. Das war unglaublich schön.

Doch die beiden Rechnungen sind immer noch offen. Das wäre doch ein schönes Ziel für die nächsten Olympischen Spiele 2026 in Mailand und Cortina.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Nach dem Slalom dachte ich, das war’s. Ich werde wohl keinen Olympia-Slalom mehr fahren. Deshalb war ich danach auch sehr emotional. Als ich dann jedoch die Abfahrt nicht bestreiten durfte, dachte ich, das kann es noch nicht gewesen sein. Vielleicht fahre ich doch nochmals vier Jahre weiter. Denn die Abfahrt in Cortina ist eine meiner absoluten Lieblingsabfahrten. Und da habe ich ja auch noch eine Rechnung offen nach der WM 2021 (Gisin wurde Fünfte – Anm. d. Red.). Ich lasse es mir noch offen, ob ich bei Olympia 2026 noch dabei sein werde.

Du liebäugelst also tatsächlich bereits mit einem allfälligen Rücktritt?

Ich habe für mich entschieden, dass ich noch maximal vier Jahre weiterfahren werde. Inzwischen bin ich aber bereits motiviert, dass es mindestens vier Jahre werden (schmunzelt).

Da sind wohl alle Skifans etwas beruhigt, dass du immerhin noch ein paar Jahre weitermachen willst. Nun stehen aber erst mal Ferien an. Ich nehme an, du kannst diese kaum erwarten.

Ich freue mich mega. Es ist, so glaube ich, das erste Mal seit Levi (Ende November – Anm. d. Red.), dass ich mindestens fünf Tage am Stück Pause habe. Dazwischen waren es jeweils nur einzelne Tage. Meine Speicherkarte im Kopf ist langsam voll. Es ist gut, dass ich diese nun neu formatieren kann. Beim Weltcup-Final habe ich nämlich bemerkt, dass ich mir die Läufe gar nicht mehr richtig merken kann. Ich freue mich wirklich auf die längere Pause. Zuerst geht es für zehn Tage nach Apulien in die Yoga-Ferien mit meiner Schwester Dominique, meiner Schwägerin und Kolleginnen. Gegen Mitte Mai stehen mit meinem Freund Luca dann noch etwas weniger aktive Ferien auf dem Programm. Dann kann ich richtig herunterfahren.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 10. April 2022 09:58
aktualisiert: 10. April 2022 09:58