Erfahrungsbericht

Dance Cam, Fähnchen und schreckhafte Fans – So ist Eishockey in China

Daniel Schmuki, 10. Februar 2022, 04:28 Uhr
Die Medienschaffenden werden durch Plexiglasscheiben von den restlichen Stadionbesuchenden getrennt.
© PilatusToday
Am Mittwoch ist die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft ins Olympia-Turnier gestartet. Trotz knapper Niederlage gegen Russland hat sich der Stadionbesuch für mich mehr als gelohnt. Es war ein Erlebnis sondergleichen.

Ich will ehrlich sein: Als ich im National Indoor Stadium von Peking eintreffe, mag bei mir keine Eishockeystimmung aufkommen. Das Stadion ist nur spärlich gefüllt mit ein paar Einheimischen, die zum Spiel eingeladen wurden. Einzig die laute Musik des Stadion-DJs, das Eisfeld und die beiden Mannschaften beim Einspielen erinnern daran, dass ich in einem Eishockeystadion bin. Doch ich revidiere meine Meinung ziemlich schnell.

Die Mannschaftsaufstellung erscheint auf dem Videowürfel auch auf Chinesisch.

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Eine Viertelstunde vor Spielbeginn wird das Stadion abgedunkelt und die Organisatoren starten eine fulminante Lichtshow. Diese wird mit chinesischer Musik unterlegt, was für eine spezielle Stimmung sorgt. «Kennt man doch alles bereits aus der Schweiz», könnte man jetzt sagen. Ja, so ist es. Aber das Publikum hat mir imponiert. Oder sagen wir es so – die Wandlung des Publikums.

Die Pre-Game-Show kann sich sehen lassen.

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Bei Unterbrüchen schwenken die Fans jeweils mit ihren Fähnchen. Doch aufstehen? Nein, auf keinen Fall! Alle bleiben schön brav sitzen. Nicht einmal bei einer kleinen Schlägerei auf dem Eis kann ich eine Regung in den Gesichtern der Einheimischen erkennen, geschweige denn beim einzigen Tor des Spiels. Bei uns in den Schweizer Stadien wäre jetzt die Hölle los und die Fans würden toben.

Keine Fangesänge wegen Corona

Mir geht es ganz anders: Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich automatisch die obligate Handgeste machen und «useee» rufen will, wenn der Schiedsrichter eine Strafe gegen einen Russen anzeigt. Auch bei den Torchancen der Schweizer «vergiggsle» ich fast auf der Tribüne. Ich muss mich zurückhalten, dass ich unsere Nati nicht lauthals anfeuere, denn Fangesänge sind wegen Corona verboten.

Ich falle ziemlich schnell in den Fan-Modus.

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Neben mir sitzen zwei junge Frauen, die bei jedem harten Check oder Schuss ans Plexiglas zusammenzucken, als hätten sie soeben einen Herzinfarkt erlitten. Sie erzählen mir, dass sie von Eishockey keine Ahnung haben und deshalb noch nicht so recht wissen, wie sie auf solche Situationen reagieren sollen. Doch sie scheinen interessiert zu sein. Eine von ihnen hat bereits vor den Olympischen Spielen ein paar Mal Eishockey im TV gesehen.

Dance Cam sorgt für Stimmung

Mit zunehmender Dauer des Spiels überraschen mich dann auch die anderen Fans im Stadion. Sie legen ihre Zurückhaltung nach und nach ab. Als der Stadion-DJ während eines Unterbruchs «We Will Rock You» von Queen anspielt, klatschen einige der Fans tatsächlich mit. Und als in der zweiten Drittelspause die Dance Cam zum Zug kommt, tanzen die Chinesen, als gäbe es kein Morgen. Klar, nicht alle, aber zumindest einige von ihnen.

Im Stadion hat es kaum Zuschauer.

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So kann ich bilanzieren: Auch wenn der Olympia-Auftakt aus Sicht des Schweizer Eishockey-Nationalteams missglückt ist, habe ich viele spannende Eindrücke gesammelt – über China, die Beziehung zum Eishockey und die hiesige Fankultur. Und so viel will gesagt sein: Ich bin definitiv nicht zum letzten Mal in einem Eishockeystadion in Peking gewesen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 9. Februar 2022 18:45
aktualisiert: 10. Februar 2022 04:28