Minimalismus

«Viel Besitz macht nicht glücklich» – Corinne Kaufmann lebt in einem Van

Andreas Wolf, 5. Juni 2022, 08:32 Uhr
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Quelle: PilatusToday / Andreas Wolf

Die meisten Menschen haben ihre eigenen vier Wände, Corinne Kaufmann hat ihre eigenen vier Räder: Vor gut einem Jahr hat sie sich dazu entschieden, in ihrem Van zu leben. Uns gewährt sie einen Einblick in ihr minimalistisches Leben.

«Das ist Kurt», sagt Corinne Kaufmann. Dabei stellt sie nicht etwa ihren Partner oder ihren Vater vor, sondern ihr Zuhause auf vier Rädern. «Manchmal bezeichne ich Kurt als meinen Lebensabschnittspartner», fügt sie lachend an. Die 30-Jährige hat sich vor etwas mehr als einem Jahr für ein Leben im Van entschieden.

Schon als sie noch in einer Wohnung lebte, wurde sie von Freunden immer wieder auf ihren Style angesprochen. «Es sieht aus, als lebt hier niemand», hat sie öfters gehört. Schon damals besass Corinne kaum mehr, als tatsächlich nötig war. «Ich brauche einfach nicht mehr», sagt sie.

Kommt etwas Neues, muss etwas altes verschwinden

In einem Leben nach dem Minimalismus-Prinzip wird grundsätzlich aussortiert, was nicht zwingend benötigt wird. So macht es auch Corinne. «Ich überlege mir gut, ob ich etwas wirklich brauche. Und ob ich es ausleihen kann, wenn ich es doch mal brauchen sollte. Dazu kommt, dass ich im Van gar nicht genug Platz habe, um viele Dinge zu besitzen.»

Das zeigt sich auch in ihrem Kleiderschrank. Wo sich bei anderen Leuten massenhaft Kleider, Pullover, T-Shirts, Jacken, Blusen und vieles mehr stapeln, findet bei Corinne Kaufmann alles auf drei Tablaren Platz. Lediglich ein paar Winterkleider lagert sie bei ihren Eltern ein, alles andere wurde verschenkt oder auf dem Flohmarkt verkauft. «Ich habe mir nicht vorgenommen, nur 100 Dinge zu besitzen. Wenn ich aber ein neues T-Shirt kaufe, dann muss ein anderes weg.»

Doch die 30-Jährige gibt zu: «Leider habe auch ich noch ‹Gschmeus›.» In einer Schublade unter der Sitzbank sind diverse Einmachgläser und Servietten gelagert. Wer so leben will wie Corinne, kann das nicht von heute auf morgen tun. Aufräumen sei ein stetiger Prozess. «Ich bin immer fleissig am Aussortieren.»

Ein schöner Prozess

Ein Vorteil vom Leben im Van: Man kommt herum. «Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich die Schweiz gar nicht wirklich kenne – obschon ich hier lebe. Da musste ich etwas ändern.» So kurvt Corinne Kaufmann in der ganzen Schweiz herum, übernachtet auf Parkplätzen, vor Häusern von Familie und Freunden oder in der Natur. «Das gibt mir eine extreme Freiheit.»

Corinne Kaufmann hat ihren Lebensstil zu ihrem Beruf gemacht. Sie ist Aufräumcoach und begleitet Menschen, die sich von Dingen trennen möchten. «Der Prozess des Loslassens ist ein wichtiger und schöner Prozess. Man lernt sich selber besser kennen.» Ausserdem verstehe man so auch Personen besser, die nicht loslassen können. Corinne schliesst ab: «Manchmal bedeutet viel Besitz nicht automatisch, dass man glücklicher ist. Ich bin mit wenig zufrieden und ich glaube, dass das auch bei anderen so wäre.»

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 5. Juni 2022 07:56
aktualisiert: 5. Juni 2022 08:32