Digitaler Sieg in der Ukraine?

Experte: «Im Cyberkrieg fällt kein Schuss»

Noah Zimmermann, 4. März 2022, 17:18 Uhr
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Quelle: PilatusToday / David Migliazza

Der Krieg in der Ukraine wird weitgehend auf konventionellem Weg geführt, obwohl Russland digitale Möglichkeiten hätte. Mit Hackerangriffen könnten kritische Systeme aus der Ferne ausgeschaltet werden, meint der Experte.

Die Eskalation in der Ukraine wird von den Aktionen Russlands geprägt. Russland setzt dabei auf physische Zerstörung und Präsenz im Gebiet. Dabei könnte Putin die Ukraine auch aus grosser Distanz lahmlegen. Peter E. Fischer ist Professor für Informations- und Cybersicherheit an der Hochschule Luzern. Er findet, dass die kritische Infrastruktur in der Ukraine gefährdet ist.

Herr Fischer, was ist Cyberkrieg genau?

Anstatt mit normalen Waffen greift man im Internet an. So ist jedes Ziel erreichbar, man muss nicht vor Ort sein. Die Hacker können mit gezielten Angriffen Systeme unbrauchbar machen. Zum Beispiel ein Steuerungssystem für einen Staudamm oder die gesamte Stromversorgung.

Warum werden diese Systeme angegriffen, und nicht Einzelfirmen?

Angriffe auf Einzelfirmen bringen ein Land nicht aus dem Gleichgewicht. Wenn hingegen Energiesysteme angegriffen werden, wird es fatal. Das sind dann wirklich die Infrastrukturen, die wir zum Leben brauchen.

Wie kritisch kann ein Land digital verletzt werden?

Die digitale Welt ist definitiv eine weitere Schwachstelle – man ist angreifbar. Ein längerer Stromausfall legt zum Beispiel Tankstellen und Supermärkte lahm. Wenn die Versorgung in einem Land beeinträchtigt ist, dann beginnt es innerhalb der Bevölkerung zu brodeln. Man muss als Angreifer gar nicht von aussen schiessen, nach dem Ausfall der kritischen Infrastruktur gibt es wahrscheinlich einen Bürgerkrieg innerhalb des Landes.

Was geschieht im digitalen Raum der Ukraine aktuell?

Bereits vor der Eskalation hat man gesehen, dass Staatsministerien in der Ukraine digital angegriffen wurden. Russland hätte die Möglichkeit, den Strom in der Ukraine auszuschalten. Warum das nicht gemacht wird, wissen wir nicht. Es kann gut noch passieren.

Peter E. Fischer ist Professor für Informations- und Cybersicherheit an der Hochschule Luzern
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Weshalb setzt Russland noch nicht auf den Cyberkrieg?

Die Panzer bereit zu machen, hat eine drohende Wirkung. Der Cyberkrieg läuft im Untergrund, da fällt kein Schuss. Es kann sein, dass Russland aktuell eher die drohende Wirkung zeigen will. Ich habe eigentlich erwartet, dass man zuerst digital die kritische Infrastruktur angreift und erst dann das Land einnimmt. Das scheint aktuell nicht die Strategie zu sein. Wir wissen, dass Russland den Cyberkrieg gut kann. Die Ukraine ist vermutlich eher in der Defensive und hat gar keine Kapazitäten, digital anzugreifen.

Haben digitale Angriffe in der Ukraine Auswirkungen auf die Schweiz?

Nein, von den direkten Cyberangriffen auf die Ukraine werden wir in der Schweiz nichts merken. Die aktuell geltenden Sanktionen betreffen uns mehr.

Wie steht es um die Sicherheit unserer eigenen Infrastruktur?

Heute ist praktisch alles digital gesteuert. Die kritische Infrastruktur ist in der Regel auf dem neuesten Stand. Man ist sich der Gefahr bewusst.

Könnte Russland auch uns digital angreifen?

Da die Schweiz die Sanktionen mitträgt, werden wir von Russland als Feind angesehen. Cybercrimes sind da ein einfaches Mittel als Gegenmassnahme. Im Internet gibt es keine Entfernung, wir sind direkt erreichbar für Russland. Wir werden möglicherweise zum Ziel von solchen Angriffen werden.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 4. März 2022 17:09
aktualisiert: 4. März 2022 17:18