Psychologe warnt

Drang zu ständiger Erreichbarkeit schlägt auf die Psyche

Martina Birrer, Anita von Rotz, 10. Dezember 2021, 09:15 Uhr
Wenn der Chef nach Feierabend anruft, gibt das nicht nur Sorgenfalten auf der Stirn, es kann auf die Dauer auch Schlafstörungen verursachen.
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Während der Arbeit schreibt die beste Freundin, oder der Chef möchte nach Feierabend etwas am Telefon besprechen: Viele kennen das Gefühl der ständigen Erreichbarkeit. Dies kann Stress verursachen oder sogar zu chronischen Krankheiten führen. Ein Psychologe gibt Tipps.

Die Zentralschweizer Psychiatrien sind am Anschlag: Die Bettenauslastung liegt oftmals bei fast 100 Prozent. Zudem kommt es bei ambulanten Angeboten zu langen Wartezeiten. Das Luzerner Kantonsparlament hat deshalb beschlossen, zu handeln. Es hat am Montag grünes Licht gegeben, die Kapazitäten in der Psychiatrie auszubauen.

So sagte beispielsweise FDP-Kantonsparlamentarierin Helen Schurtenberger während der Debatte: «Viele mögen dem Leistungsdruck am Arbeitsplatz nicht mehr standhalten. Die dauernde Erreichbarkeit und die immer geringer werdende Erholungszeit schwächen die Gesundheit vieler.»

Doch was macht diese ständige Erreichbarkeit mit uns? Und wie können wir zu Hause richtig abschalten? Über diese Fragen haben wir mit Lienhard Maeck, Chefarzt Stationäre Dienste der Luzerner Psychiatrie, gesprochen.

Lienhard Maeck ist Chefarzt der stationären Dienste der Luzerner Psychiatrie.

© Luzerner Psychiatrie

Herr Maeck, kommt es oft vor, dass Personen nicht mehr mit der ständigen Erreichbarkeit klarkommen?

«In der momentanen Pandemiesituation zeigt sich eine allgemein stärkere Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Man spürt eine gewisse Reizbarkeit, die Zündschnur ist bei manchen kürzer geworden. Das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, mag seinen Teil dazu beitragen. So wird beispielsweise mit Homeoffice, welches seit Beginn der Corona-Pandemie viel mehr angewendet wird, deutlich mehr Arbeit in die eigentliche Freizeit verlegt.»

Was macht das mit uns und unserem Körper?

«Man erlebt eine Stresssituation und der Körper gerät in eine Art Alarmmodus. Man kann die Reaktion des Körpers etwa so vergleichen, wie wenn ein gefährliches Tier auf einen zu rennt und man müsste sich darauf vorbereiten, sich zu verteidigen. Wenn man das über einen längeren Zeitraum erlebt, können sich beispielsweise Schlafstörungen entwickeln, der Blutdruck kann steigen und die Immunabwehr des Körpers kann abnehmen. Wenn man die Arbeit ständig mit nach Hause nimmt, kann das natürlich auch psychische Probleme auslösen, denn der Körper befindet sich ständig unter Stress.»

Es ist also nicht in Ordnung, dass die Arbeit vermehrt in die Freizeit verlegt wird?

«Selbstverständlich gibt es Personen, welche in dieser dauernden Erreichbarkeit kein grösseres Problem sehen. Der Umstand, jeden zu jeder Zeit erreichen zu können, bedeutet auch Chancen, was zum Beispiel Flexibilität und Agilität angeht. Erholungsphasen sind aber notwendig, wenn man auf Dauer leistungsfähig und gesund bleiben will. Und Erholung wird in einer anhaltenden Stresssituation kaum möglich sein. Wer sich also ständig unter Stress fühlt, sollte etwas ändern und sich wieder ein Stück Freiheit zurückholen.»

Und wie macht man das? Das klingt einfacher, als es in Wirklichkeit ist.

«Man braucht in jedem Fall Ausgleichsphasen, um sich erholen zu können. Die sollte man sich bewusst schaffen. Man kann sich zum Beispiel Zeit einplanen, um ins Fitness zu gehen oder ein Buch zu lesen. In dieser Zeit sollte man sein Smartphone bewusst weglegen. Es geht darum, dass man sich einen Regenerationsraum schafft, den man möglichst frei von Stressoren hält. Jeder Mensch braucht unterschiedlich viele solcher Momente. Wer gut auf seinen Körper hört, wird in etwa erfahren, wieviel solcher Auszeiten nötig sind.»

Nun geht es aber nicht nur um die Erreichbarkeit gegenüber dem Arbeitgeber. Auch der Freund, die Kollegen oder die Eltern erwarten häufig sofort eine Antwort...

«Das ist so. Gegenüber nahestehenden Personen kann es nochmals schwieriger sein, sich von der Erwartung zu lösen, ständig erreichbar zu sein. Dahinter mag die Angst stecken, dass man zum Beispiel aus dem Freundeskreis ausgeschlossen werden könnte, wenn man nicht sofort antwortet. Häufig wird es aber so sein, dass die Freunde gar nicht von einem erwarten, dass man ständig parat ist. Oder dass sie es eben doch erwarten, aber dennoch Verständnis dafür aufbringen können, wenn man sich mehr Zeit lässt. Hier ginge es also darum, sich von unbegründeten Sorgen zu befreien und für seine Interessen einzustehen.»

Mein Fazit: Es zeigt sich, wir stressen uns oft selbst. Es lohnt sich bewusst seine elektronischen Geräte wie Handy und Co. wegzulegen und nicht rund um die Uhr erreichbar zu sein. Denn es ist auch im Interesse des Arbeitgebers, dass seine Mitarbeitenden nicht ausgebrannt sind.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 12. Dezember 2021 10:39
aktualisiert: 12. Dezember 2021 10:39