Flaute seit 20 Jahren

Warum stellt die Zentralschweiz nur selten einen Bundesrat?

Sven Brun, 9. Oktober 2023, 16:36 Uhr
Seit 20 Jahren gibt es keinen Bundesrat aus der Zentralschweiz.
© Keystone, Matthieu Gafsou / GettyImages
2003 trat der liberale Kaspar Villiger als vorerst letzter Zentralschweizer Bundesrat zurück. Mit nur acht Bundesräten seit der Gründung des Bundesstaates 1848 ist die Zentralschweiz seit jeher unterrepräsentiert in der Landesregierung. Das sind die Gründe und Zukunftsaussichten.

Basel, Bern, Graubünden und Zürich: Aus diesen vier Kantonen kommen die bisher offiziellen vier Bundesrats-Kandidaturen für die Nachfolge von SP-Bundesrat Alain Berset. Aus der Zentralschweiz wurde bisher kein Lebenszeichen für eine aussichtsreiche Kandidatur gesendet. Und so wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bleiben.

Die Gründe dafür sind verschieden. Vor allem aber gibt es für den frei werdenden SP-Sitz keine profilierte Politikerin oder Politiker aus der Zentralschweiz, die zur Debatte stehen. Denn: «Um Bundesrätin oder Bundesrat zu werden, ist es wichtig, gut vernetzt im Parlament zu sein», meint Politexperte Armin Camenzind. Und wenn man bedenkt, dass von den 29 Zentralschweizer Sitzen in National- und Ständerat genau einer an die SP (Prisca Birrer-Heimo, tritt Ende Legislatur ab) geht, sind die Chancen folglich sehr klein.

Viele erfolglose Kandidaturen

Überhaupt sind alle acht bisherigen Bundesräte aus dieser Region dem bürgerlichen Lager zugehörig. Ein Blick auf diese Seite des politischen Lagers zeigt, dass es seit Kaspar Villigers Rücktritt 2003 immer wieder Kandidaturen gegeben hatte. Beispielsweise bei den Ersatzwahlen 2022 für den Sitz von Finanzminister Ueli Maurer zeigten die Nidwaldnerin Michèle Blöchliger und der Zuger Heinz Tännler Interesse. Beide schafften es jedoch nicht auf das SVP-Ticket. Gewählt wurde mit Albert Rösti wieder einmal ein Berner, zum 15. Mal in der Geschichte.

Michèle Blöchliger wollte Nachfolgerin von Ueli Maurer im Bundesrat werden.

© Michèle Blöchliger

2018 standen mit Peter Hegglin (Zug) und Heidi Z’graggen (Uri) gleich zwei Interessenten aus der Zentralschweiz für die Nachfolge von Doris Leuthard bereit. Z’graggen, damals noch Regierungsrätin, schaffte es sogar auf das CVP-Ticket. Gewählt wurde im ersten Wahlgang aber deutlich die Walliserin Viola Amherd. Und auch beim freigewordenen Sitz von Johann Schneider-Ammann stand ein Zentralschweizer auf dem Ticket der FDP. Hans Wicki (Nidwalden) hatte gegen Karin Keller-Sutter aber keine Chance und unterlag ebenfalls deutlich im ersten Wahlgang.

Ihn hat Keller-Sutter hinter sich gelassen: Den Nidwaldner Kontrahenten Hans Wicki.

Mann oder Frau, Vernetzung in Bern, politische Erfahrung, Persönlichkeitsprofil oder die soziokulturelle Herkunft: Bundesrätin oder Bundesrat zu werden, ist nicht ganz einfach. «Es kommt immer auf die Konstellation an», sagt Politexperte Armin Camenzind. Und die kantonale Herkunft? «Die Region kann unterstützen, aber nur die Region nützt nichts.»

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Gibt es in Zukunft einen Zentralschweizer Bundesrat?

Wagen wir also einen Blick in die nahe Zukunft. Unter Annahme gleichbleibender Sitzverteilung im Bundesrat kann eine aussichtsreiche Kandidatur praktisch nur aus dem bürgerlichen Lager kommen. Beispielsweise von FDP-Ständerat Damian Müller. Der 38-Jährige gilt als sehr einflussreich in Bern. Bei einem Rücktritt von Ignazio Cassis dürfte der Name Müller definitiv diskutiert werden. Ob er das Ziel verfolgt, in Zukunft Teil der Schweizer Regierung zu werden, ist jedoch nicht bekannt.

Aber auch Petra Gössi, die frühere FDP-Parteipräsidentin, wäre eine aussichtsreiche Kandidatin für einen Bundesratssitz. Damit würde der Kanton Schwyz erstmals seit 1848 überhaupt einen Bundesratssitz belegen.

Damian Müller diskutiert mit Bundesrat Albert Rösti.

© Keystone, Alessandro Della Valle

Bei der Mitte ist Parteipräsident Gerhard Pfister wohl der bekannteste Politiker aus der Zentralschweiz. Der Zuger hat in der Vergangenheit jedoch mehrfach abgewunken und ist mittlerweile bereits 61 Jahre alt. «Ob sich Pfister den Knochenjob Bundesrat in Zukunft noch antun will, ist offen und wohl eher mit Nein zu beantworten», meint Camenzind.

Bleibt die SVP. Mit dem Luzerner Franz Grüter und dem Zuger Thomas Aeschi, beides Nationalräte, bietet die Zentralschweiz wiederum zwei bekannte Gesichter. Grüter hat in der Vergangenheit abgewunken. Aeschi hingegen versuchte den Sprung in die Landesregierung 2015. Gewählt wurde bekanntlich Guy Parmelin. Aeschi bekleidet nun seit 2017 das Amt des SVP-Fraktionspräsidenten.

Thomas Aeschi steht im Dezember 2015 kurz vor den Bundesratswahlen Rede und Antwort.

© KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Summa summarum wird es auch in den kommenden Jahren mit einem Zentralschweizer Bundesratssitz nicht ganz einfach. Immerhin: «Mit Lukas Gresch-Brunner steht womöglich ein Luzerner Kandidat für das ebenfalls frei werdende Amt des Bundeskanzlers zur Diskussion», sagt Camenzind. Ob der parteilose Generalsekretär des Innendepartements als «Achter Bundesrat» kandidiert und eine Chance hat, wird sich spätestens am 13. Dezember bei den Bundesratswahlen zeigen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 9. Oktober 2023 11:59
aktualisiert: 9. Oktober 2023 16:36